Prozesse verstehen, definieren und neue Produkte gestalten

Die Herausforderung für Industrie 4.0 und Digitalisierung beginnt für viele mittelständische Unternehmen in der Gestaltung ihrer Produktentstehungsprozesse. Damit wird versucht, die Voraussetzungen für Innovationen, Wettbewerbsfähigkeit und individuelle Industrie 4.0-Strategien zu schaffen. Genau in diesem Umfeld ist seit mehr als 25 Jahren ISAP tätig. ISAP realisiert leistungsfähige Umgebungen für die Erzeugung digitaler Produktmodelle, den Schutz und die Bereitstellung von Unternehmenswissen sowie die Optimierung von Geschäfts- und Produktionsprozessen. Der Einsatz von marktführenden Hard- und Softwarelösungen und die einzigartige Kombination ihrer CAD-, PLM- und IT-Lösungen sind dabei der Motor für den Erfolg ihrer Kunden. Im Interview mit Daniel Drissler geht DigitalFutureCongress genau diesem Themengebiet auf den Grund.

DFC: Unternehmen stehen heute, gerade hinsichtlich Industrie 4.0, vor großen Herausforderungen. Welche Situation finden Sie bei ihren Gesprächen vor Ort vor?

Daniel Drissler: Die Sensibilisierung für das Thema Industrie 4.0 und der damit einhergehende Handlungsbedarf ist bei den meisten mittelständischen Unternehmen schon sehr weit fortgeschritten. Die konkreten Schritte und die Auswirkungen auf das eigene Unternehmen sind jedoch weniger bekannt, was bei der inflationären Nutzung des Begriffs „4.0“ völlig nachvollziehbar ist. Da ist es wichtig, in einem solchen Gespräch eine einheitliche Verständnisbasis zu schaffen, um konstruktiv über die Thematik zu diskutieren. Im Großen und Ganzen stehen alle Unternehmen vor den selben großen Herausforderungen, haben dafür aber ganz individuelle Lösungsansätze. Wie schaffe ich es, bei individuellen Kundenanforderungen (bis hin zu Losgröße 1), weiterhin unter der Berücksichtigung von Kosten, Zeit und Qualität effizient zu produzieren? Wie bekomme ich den immensen Anstieg an Komplexität innerhalb meines Produktes überhaupt bewältigt? Wie generiere ich auch in Zukunft zusätzliches Geschäft, nachdem ich das Produkt verkauft habe? Wie erhöhe ich die Kundenzufriedenheit und -bindung mittels hoher Produktverfügbarkeit durch Serviceleistungen? Diese und viele weitere Fragen stellen sich die meisten Unternehmen. Man merkt schon hier, dass die Fragen keine gesonderten Industrie 4.0- oder Digitalisierungsfragen als solches sind, sondern ganz grundsätzliche Aspekte, in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit eines zukunftsorientierten Unternehmens, beinhalten. Jedoch liefert die Digitalisierung in der Industrie die Antworten auf die meisten dieser Fragen!

DFC: Das Thema Wettbewerbsfähigkeit ist hier natürlich der Schlüssel. Je besser meine Prozesse sind, umso schneller kann ich neue Produkte in den Markt bringen. Wie können Sie hier helfen?

Daniel Drissler: Der ausschlaggebende Punkt ist richtigerweise die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Wir digitalisieren nicht zum Selbstzweck! Daher ist es auch wichtig, sich vor einer sogenannten digitalen Transformationen Gedanken zu machen, was ich, als Unternehmer, erzielen möchte und auf Basis dessen die möglichen digitalen Technologien zu bewerten. Das Ziel muss es sein, die vorherrschenden Prozesse zu verbessern. Denn genau darum geht es bei Industrie 4.0: ich muss mir meiner historisch gewachsenen, in der Vergangenheit erfolgreichen, Kernprozesse bewusst werden, diese bewerten und unter dem Gesichtspunkt neuer Möglichkeiten optimieren. Getreu dem Motto (verzeihen Sie mir die Umgangssprache): „Wenn Sie einen Scheißprozess digitalisieren, haben Sie am Ende einen scheiß digitalen Prozess!“ beginnt eine digitale Transformation immer erst auf analytischer Ebene. Mit dieser Erkenntnis hat sich auch die Vorgehensweise in Projekten bei ISAP gewandelt. Wo es früher vielleicht gereicht hat, ein „Stückchen Software“ zu verkaufen, geht es heute darum, vor allem durch beratende Tätigkeiten die bestmögliche Lösung zu identifizieren, um definierte Ziele zu erreichen. Über die Optimierung und Integration interdisziplinärer Prozesse beispielweise erzielen Sie zeiteinsparende Effekte. Genau dieser Faktor Zeit, welcher bereits jetzt sehr wichtig ist und in Zukunft zu einem unabdingbaren Wettbewerbsfaktor wird, ist mit digitalen Lösungen beeinflussbar. Wir von ISAP setzen genau hier an! Unser Ziel ist es, unseren Kunden zu mehr Zeit zu verhelfen! Wir reduzieren den Aufwand bei den sogenannten „non-value Prozessen“ (ergo Prozesse für die der Kunde nicht bezahlt), indem diese beispielsweise standardisiert, integriert und automatisiert werden. Diese zeitliche Entlastung kann dann für wertschöpfende bzw. innovative Tätigkeiten genutzt werden. Dafür bieten wir als Partner für Digitalisierungsfragen die komplette Bandbreite an Lösungen im Bereich Dienstleistung, Software und Hardware an.

DFC: Sprechen wir einmal über neue Technologien. Welche sehen Sie hier und welchen Mehrwert bringen diese Technologien in dem Bereich der Produktentstehungsprozesse?

Daniel Drissler: Grundsätzlich sind die Technologien nicht unbedingt alle neu, aber sie sind mittlerweile aus dem Bereich der „Spielerei“ in den Bereich der ernsthaften industriellen Lösungen angekommen. Wir müssen uns aber davon lösen zu denken, dass eine einfache „Installation“ einer solchen Technologie die gewünschten Ziele erfüllt. Viele dieser neuen digitalen Technologien verlangen ein Umdenken in unseren bisher dagewesenen Vorgehensweisen im Produktentstehungsprozess. Nehmen wir beispielsweise eine Technologie, die es mittlerweile schon viele Jahre gibt, aber derzeitig richtig aufblüht in der Industrie: den 3D-Druck! Es geht nicht darum, dass dieses additive Fertigungsverfahren die konservativen Fertigungsverfahren komplett ersetzen wird. Es ist vielmehr eine zusätzliche Möglichkeit, dem Anspruch an Losgröße 1, Liefertreue oder erhöhte Ersatzteildisposition gerecht zu werden. Auch die Art und Weise, wie wir konstruieren, wird dadurch beeinflusst. Wo es klassisch darum geht, fertigungsgerecht zu konstruieren, kann mit dieser Technologie funktional konstruiert werden. Stichwort: Topologieoptimierung! Diese wird mittlerweile CAD-seitig vollumfänglich automatisiert unterstützt und erzielt damit große Effekte im Bereich Material- und Gewichtseinsparung. Auch die Arbeits- bzw. Fertigungsvorbereitung ändert sich bei diesem Fertigungsverfahren, denn der Prozess läuft bis zum letztendlichen Druck komplett digital ab und wird direkt an die Konstruktion angebunden.

Eine weitere Technologie, die aus meiner persönlichen Sicht ein riesiges Potential mitbringt, ist Augmented Reality (kurz AR). Löst man sich auch hier von dem Pokémon Go Gedanken und betrachtet es aus industrieller Sicht sind die Effekte weitreichend und werden die gesamte Industrie beeinflussen. AR kontextualisiert die digitale mit der physischen Welt und schafft damit komplett neue Möglichkeiten in der Kommunikation, im Service, im Sales, in der Produktion oder aber im Marketing. Diese Technologie ist ein exzellentes Werkzeug, um digitale Geschäftsmodelle im Maschinen- und Anlagenbau zu ermöglichen und somit der perfekte Start für eine digitale Transformation. Herausforderungen im Bereich Anlagen- oder Maschinenverfügbarkeit, Inbetriebnahmen, Wartung oder Inspektion für international agierende Unternehmen werden mit AR gelöst.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass für den Erfolg dieser Technologien der Fortschritt der Digitalisierung als Enabler verantwortlich ist.

DFC: Warum ist gerade die Kombination aus diesen Technologien so wichtig?

Daniel Drissler: Technologien entfalten das volle Potential erst in Kombination mit anderen Technologien. Dafür liegt die Basis wiederum in einem geeigneten Datenmanagement, denn dieses muss für die Verfügbarkeit von Informationen als Antrieb dieser Technologien dienen – und ist daher auch unabdingbar. Interpretiert man die Aussage „Daten sind das Öl des 21. Jahrhunderts“ nicht nur bezogen auf die Wertigkeit von Daten, sondern ebenfalls als Rohstoff, um die Maschinerie einer smarten factory anzutreiben, trifft es den Nagel auf den Kopf. Um die Vorteile der neuen Technologien durchgehend und vollumfänglich zu nutzen, müssen im Hintergrund die IT-Infrastruktur sowie die Datenmanagementsysteme aufeinander und zielgerichtet abgestimmt werden. Last but not least muss der Anwender seine neuen Werkzeuge verstehen und effektiv nutzen können, um eine gesamtheitliche Verbesserung zu bewirken.

DFC: Sie sprechen hier von einem Reifegrad von Unternehmen für Industrie 4.0. Können Sie uns das näher erläutern?

Daniel Drissler: Damit spielen Sie mit Sicherheit auf unser Reifegradmodell 4.0 an. Dieses Modell haben wir in Zusammenarbeit mit der Ruhr Universität Bochum, genauer dem Lehrstuhl für Maschinenbauinformatik, erstellt. Hierbei geht es um eine objektive Analyse des Digitalisierungsgrades eines industriellen Unternehmens. Einer unserer Industrie 4.0 Spezialisten führt dafür einen eintägigen Workshop mit Führungskräften durch, indem verschiedene Fragen zu diversen Handlungsfeldern gestellt werden. Als Ergebnis bekommt das Unternehmen nicht nur eine numerische Einordnung auf einer Skala von 1 bis 5 was den Digitalisierungsgrad angeht, sondern ebenfalls einen ca. 60 Seiten langen Bericht über den IST-Zustand der betrachteten Aspekte und welches Potential sich hinter dem Erreichen einer nächsten Stufe verbirgt. Zusätzlich lassen sich Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Potentiale identifizieren. Das Unternehmen bekommt dementsprechend ein völlig produktlosgelöstes Spiegelbild, welches unmittelbar Handlungsempfehlungen sichtbar macht und bei der Bewertung für strategische Folgeaktivitäten als Fundament dient.

DFC: Die Frage stellt sich jetzt nach dem richtigen “Koch-Rezept”. Gibt es das? Welche Stufen muss das Unternehmen tatsächlich durchlaufen, um im Bereich Industrie 4.0 und digitale Transformation in die richtige Richtung zu gehen?

Daniel Drissler: Genau das ist die Quintessenz: es gibt keine Pauschallösung oder eine CD mit Industrie 4.0 als Installation. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Digitalisierung und Industrie 4.0 eine strategische Aufgabe ist, deren Umsetzung nur von „ganz oben“ eingeleitet werden kann. Bei der Umsetzung geht es darum, die eigenen Prozesse zu bewerten und mittels neuer Technologien und Ansätze zu optimieren. Daher sind die Ziele und die damit einhergehenden Lösungswege immer unternehmensspezifisch zu betrachten, da auch die Ausgangslage immer unterschiedlich ist. Es gibt jedoch gewisse Kernfragen, die man sich stellen kann:

Was bedeutet Digitalisierung und Industrie 4.0 im Allgemeinen?

Wo steht mein Unternehmen?

Was sind Auswirkungen der Digitalisierung auf mein Unternehmen?

Welchen Grad der Digitalisierung benötigt mein Unternehmen?

Welche Leistungen kann mein Unternehmen zukünftig anbieten?

Wie wirken sich Digitalisierung und Industrie 4.0 auf mein Geschäftsmodell aus?

Wie setze ich die geplanten Initiativen um?

Zusammenfassend sind dies auch die Schritte, die ein Unternehmen bei einer digitalen Transformation durchläuft: Informieren, Orientieren, Initiieren, Konzipieren und Umsetzen.

Bei all diesen Schritten unterstützen wir unsere Kunden dabei, konkret zu werden und die richtige Digitalisierungsstrategie auf die Beine zu stellen. Hierbei können wir als zertifizierte Berater ergänzend auf staatliche Fördermittel des Förderprogramms „go-digital“ vom BMWi zurückgreifen. 

DFC: Am 08.11.2018 sind Sie mit Ihrem Unternehmen auf dem Digital FUTUREcongress in der Messe Essen vertreten. Was können Sie an diesem Tag mittelständischen Fertigungsunternehmen zeigen?

Daniel Drissler: Wir haben jede Menge spannende Technologien im Gepäck. Neben Softwarelösungen aus unserem eigenen Haus, bringen wir ebenfalls digitale Technologien mit und zeigen Anwendungsfälle für die Industrie. Bei uns bekommen Sie einen Einblick, wie Augmented Reality das Servicegeschäft revolutionieren wird. Besucher haben ebenfalls die Möglichkeit, mittels Virtual Reality Brille eine Industrieanlage im virtuellen Raum zu betrachten und mit dieser zu interagieren. Außerdem bringen wir Exponate aus unserem 3D Drucker mit. Leider war der Drucker zu groß, um diesen ebenfalls einzupacken. Interessant ist auch noch der 3D Scanner, den wir bei uns einsetzen, mit dem Sie in die Lage versetzt werden, sehr schnell digitale Modelle von physischen Teilen zu erstellen. Ein Beispiel eines Reifegradmodellberichts haben wir auch mitgebracht. Sie merken: bei uns wird es nicht langweilig. Wir wollen den Messeteilnehmern nicht nur etwas Spannendes zeigen, sondern freuen uns viel mehr auf die Gespräche. Hier können wir auf die spezifischen Bedürfnisse und Fragen der Besucher eingehen, was wiederum für uns sehr spannend ist. Wir freuen uns über jeden, der den Weg zu uns findet.

DFC: Herr Drissler, ganz herzlichen Dank für dieses wunderbare Gespräch.

Daniel Drissler: Vielen Dank!

Das Interview führte Michael Mattis Veranstalter des Digital FUTUREcongress. (Quelle: www.digital-futurecongress.de/aussteller-news)