Augmented Reality als Strategie

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Mit dem heutigen Artikel schließen wir die allgemeine Betrachtung von AR ab. Dafür identifizieren wir den Mehrwert von AR als Produktmerkmal sowie entlang der Wertschöpfungskette. Die vorhergehenden Artikel helfen bei dem grundsätzlichen Verständnis des Themas.

Als letzter Artikel zum Thema Augmented Reality stellt sich natürlich die Frage, inwiefern die Technologie einen Mehrwert für mein Unternehmen schaffen kann. Es lassen sich zwei grundsätzliche Kategorien festhalten: zum einen als direkte Verknüpfung mit dem eigenen Produkt und zum anderen als Werkzeug entlang der Wertschöpfungskette.

AR als Produktmerkmal

Das eigene Produkt mit AR zu verknüpfen, wirkt sich in erster Linie auf die Alleinstellung in branchenspezifischen Märkten aus. Derzeitig wird diese Technologie nur vereinzelt mit Produkten aus dem industriellen Umfeld verbunden, sodass der Präsentationseffekt im ersten Schritt nachhaltig die Produktwirkung auf den Interessenten beeinflussen wird. Dieser Aspekt ist aus marketingtechnischer Sicht sehr prägnant und hilft dabei das neue, innovative Produkt hervorzuheben.

Aber auch neben der reinen marketinggetriebenen Positionierung von AR als Produktmerkmal, funktioniert die Technologie als Werkzeug den Kunden zu überzeugen. Durch Augmented Reality lassen sich Informationen zu Betrieb und Sicherheit des Produkts in einer ganz neuen Qualität dem Anwender zur Verfügung stellen. Dadurch wird die Nutzung und damit einhergehend das Produkterlebnis verbessert. Das Besondere dabei: dafür benötigt das Produkt keine zusätzlichen physischen Anzeigemöglichkeiten über Displays o.ä., denn AR fungiert hierbei als Schnittstelle zwischen Produkt und dem vorhandenen Gerät des Anwenders, wie z.B. eine Datenbrille oder ein Tablet. 

Einer AR basierten Benutzerschnittstelle wird ein disruptives Potential vorhergesagt, da der erzielte Effekt prägnant ist und die Zusatzkosten gering ausfallen. Diese AR Schnittstelle basiert auf Software- sowie Cloudlösungen und ist zusätzlich individuell personalisierbar, besitzt einen hohen Grad der Verfügbarkeit und ist flexibel entwickelbar. Jeder Hersteller sollte sich über die Auswirkungen einer solchen user experience der nächsten Generation auf das eigene Angebot und der Wettbewerbspositionierung im Klaren sein.

AR entlang der Wertschöpfungskette

Neben der Verknüpfung von AR mit dem Produkt lässt sich diese Technologie natürlich auch für die eigenen Prozesse anwenden. Im Folgenden betrachten wir dafür die einzelnen Prozessschritte innerhalb der Wertschöpfungskette, beginnend mit der Produktentwicklung bis hin zum After-Sales.

Produktentwicklung

Grundsätzlich wird dank CAD-Software bereits seit mehr als 30 Jahren dreidimensional konstruiert, jedoch beschränkte sich die Darstellung der Modelle bisher auf einen zweidimensionalen Monitor ohne direkten Bezug zur realen Umgebung. Mit erweiterter Realität können Ingenieure ihre Konstruktionen als dreidimensionale Hologramme in die reale Welt einspielen und dadurch verbessern und bewerten. In der Automobilbranche gibt es bereits viele Hersteller, die ihre Ingenieure mittels HoloLens zusammen an einem virtuellen Prototyp arbeiten und dadurch vereinfacht über Sachverhalte und kritische Stellen kommunizieren lassen. 

Volkswagen geht dabei noch einen Schritt weiter und kombiniert den virtuellen mit dem physischen Prototyp mittels einer Überblendung des CAD-Modells durch AR. Diese digitale Konstruktionsprüfung macht in frühen Entwicklungsphasen Abweichungen zwischen der aktuellen Konstruktionsversion und dem Prototyp sichtbar und verlagert dadurch die Qualitätssicherung in die frühe Entwicklungsphase. Die erzielte Zeiteinsparung liegt bei Faktor 10.

Dies ist nur der Anfang, denn man geht davon aus, dass die durch AR übermittelten und erzeugten Informationen grundlegend die Produktentwicklung beeinflussen werden. Entscheidungsfindungs- sowie Auslegungsprozesse werden in Zukunft schon in den ersten Zügen des Produktentstehungsprozesses über AR vollständig unterstützt.

Fertigung

Innerhalb der Fertigungsprozesse kann Augmented Reality gezielt für zwei Anwendungsfälle genutzt werden. Zum einen unterstützt AR den Mitarbeiter an der Montagelinie oder am Fließband, indem die richtige Information zur richtigen Komponente am richtigen Ort angezeigt wird. Dadurch werden komplexe, individuelle und umfassende Prozessschritte nachvollziehbar. Die Fehlerquote sinkt und die Effizienz der Mitarbeiter steigt, wodurch sich die Produktivität gesamtheitlich verbessert.

Zum anderen lassen sich über AR die Daten in der eigenen Fertigung bündeln und direkt visualisieren, wodurch sich proaktive Wartungsfälle identifizieren und teure Ausfallzeiten minimieren lassen. Die benötigten Daten können direkt von den Sensoren der eigenen Fertigungsanlagen oder aber aus Automatisierungs- und Steuerungssystemen stammen. Es hängt damit zusammen welche Überwachungs- und Diagnosedaten für entscheidungsunterstützenden Aussagen benötigt werden.

Logistik

Die Kommissionierung als eine der größten Herausforderungen im logistischen Bereich ist mithilfe von AR ebenfalls optimierbar. Schätzungen zufolge macht die Lagerhaltung rund 20% aller Logistikkosten aus. Das Herausnehmen von Artikeln aus Regalen ist wiederum für 65% der Lagerhaltungskosten verantwortlich. Ein Grund dafür ist die Art und Weise wie die Mitarbeiter in den Lagerhallen Informationen zu den benötigten Artikeln erhalten. Hierfür wird in den meisten Unternehmen noch mit auf Papier gedruckten Listen gearbeitet, was zeit- und fehlerintensiv ist. 

Der Logistikkonzern DHL hat dies erkannt und AR zur effizienteren und präziseren Kommissionierung eingeführt. Die Mitarbeiter werden mittels AR Anwendungen gelotst und erreichen dadurch in kürzester Zeit den gesuchten Artikel. Die Effekte bei DHL waren geringere Fehlerquoten, eine erhöhte Motivation der Mitarbeiter sowie eine Produktivitätssteigerung von 25%. DHL geht nun einen Schritt weiter und rollt die AR-gesteuerte Kommissionierung weltweit aus.

Auch bei Intel hat man im Bereich der Lagerhaltung auf AR gesetzt. Hier wurde mittels erweiterter Realität die Kommissionierzeit um 29% verbessert und die Fehlerquote auf Werte nahe null gesenkt. Hinzu kommt, dass neue Intel Mitarbeiter von Anfang an eine 15% kürzere Kommissionierzeit als Arbeiter mit herkömmlicher Ausbildung erreichen.

Marketing und Vertrieb

Der reine Marketingeffekt durch Showrooms oder Produktdemonstrationen durch AR wurde bereits angedeutet. Dieses innovative Produkterlebnis kann, abgesehen von AR, maximal durch VR (Virtual Reality) erreicht werden, wodurch der Kunde ein höheres Vertrauen in seine Kaufentscheidung entwickelt.

Aber auch im Verkaufsprozess hilft AR bei der Verständigung der Produkteigenschaften zwischen Hersteller und Interessent. Hier kann der Vertriebsbeauftragte dem Interessenten das Produkt direkt in der realen Umgebung präsentieren und gegebenenfalls vor Ort konfigurieren und mit unterschiedlichen Funktionen ausstatten. 

Im Onlinehandel können die virtuellen Produktmodelle als Hologramme betrachtet werden. Nicht zuletzt bekannt durch die IKEA App, mit der sich jeder, der ein AR-fähiges Smartphone besitzt, die Möbel direkt ins Wohnzimmer projizieren kann.

After-Sales-Service

In diesem Bereich steckt das größte Potential durch die Verbindung intelligenter vernetzter Produkte mit der Technologie AR. Durch AR kann eine stetige Bindung zum Kunden hergestellt werden. Sei es im Falle einer Ersatzteildisposition, welche direkt über AR dem Kunden angezeigt wird und dieser per Knopfdruck einen Bestellvorgang beim Hersteller auslöst, oder bei der Durchführung von Wartungsarbeiten, bei der kein Experte mehr vor Ort sein muss, sondern mittels AR Probleme aufnimmt und Lösungswege aufzeigt.

Ob es sich um vorausschauende Wartung oder nicht handelt, ist der Technologie von AR grundsätzlich gleich. Wichtig ist, dass das Servicegeschäft sowie das verkaufte intelligente Produkt darauf ausgelegt ist, diese Bindung zwischen Hersteller und Betreiber überhaupt zu ermöglichen.

Nicht zuletzt wegen der einfachen Umsetzung von AR Anwendungen ist es gerade für kleine- und mittelständische Unternehmen der ideale Einstieg in sogenannte digitale Geschäftsmodelle. 

Das europäische Telekomunternehmen KPN unterstützt die Servicemitarbeiter bei Fernwartungen sowie bei vor Ort Reparaturen mittels Datenbrillen und erreicht damit eine Kostenreduzierung von 11%, bei gleichzeitiger Senkung der Arbeitsfehlerquote um 17%. Durch die AR-Anzeigen sind die Techniker in der Lage, bessere Entscheidungen zu treffen, werden maximal unterstützt und erhöhen die Reparaturqualität spürbar.

Der Drucker- und Kopiergerätehersteller Xerox ist sogar noch einen Schritt weitergegangen und verzichtet mittlerweile vollständig auf traditionelle Servicehandbücher sowie Telefonsupport. Die Außendienstmitarbeiter stehen via AR Apps in Verbindung mit den Experten aus der Zentrale und haben dadurch Effizienzsteigerungen von 20% erreicht. Die Quote der auf Anhieb gelösten Probleme stieg um unglaubliche 67%. Gleichzeitig sank die durchschnittliche Zeit für die Lösung eines Problems um zwei Stunden und dadurch der Personalbedarf bzw. die -auslastung. Aber damit nicht genug: Xerox geht noch einen Schritt weiter und verbindet die Kunden direkt mit den Experten, sodass kein Servicemitarbeiter vorbeikommen muss. Dadurch stieg die Quote der gelösten Probleme, bei denen kein Servicemitarbeiter vor Ort sein musste, um 76%. Gleichzeitig sanken die Reisekosten für Xerox und die Ausfallzeiten der Kunden. Ergebnis: mittlerweile hat Xerox eine Kundenzufriedenheit von 95%!

Mit diesen Beispielen entlang der Wertschöpfungskette möchten wir die Serie zu Augmented Reality abschließen. Sobald man über den Unterhaltungsfaktor dieser Technologie hinausblickt, sind klare und ernstzunehmende Anwendungsgebiete in der Industrie erkennbar. Die Effekte sind greifbar, messbar und von größeren Unternehmen bereits belegt worden. 

Gerade als mittelständisches Unternehmen ist es wichtig, sich mit der Technologie als solche und die daraus entstehenden Potentialgebiete im eigenen Unternehmen zu beschäftigen. Sei es die eigene Produktivität zu erhöhen, Sales- und Marketingaktivitäten zu unterstützen oder das immer wichtiger werdende After-Sales-Geschäft, die mit neuen digitalen Geschäftsmodellen einhergehen, voranzutreiben. Bei all diesen Aspekten ist AR bereits jetzt die einfachste und ausgereifteste Technologie zur Adaption einer neuen Geschäftsstrategie. Es wird auch in Zukunft vermehrt um Daten gehen und wie diese vermittelt werden. Dabei kann es nur eine Lösung geben: Augmented Reality!