10 Jahre Industrie 4.0 – was noch zu tun ist

Damit Industrie 4.0 ihr volles Potential entfalten kann, müssen vorrangig die ihr noch immer im Weg stehenden Hürden beseitigt werden. Welche Maßnahmen sind dafür erforderlich? Bitkom antwortet darauf im aktuellen Positionspapier. Im Folgenden werden die Vorschläge kompakt vorgestellt.

 

Bessere steuerliche Rahmenbedingungen für Investitionen in Industrie 4.0

Um es Unternehmen, insbesondere dem relativ kapitalschwachen Mittelstand, zu erleichtern, Investitionen in Industrie 4.0 zu tätigen, sollten die AfA-Fristen für Industrie 4.0-Lösungen bzw. -Komponenten drastisch verkürzt werden. Dabei sind auch die Ausgaben zu betrachten, die nicht nur für klassische Wirtschaftsgüter wie Maschinen und Anlagen getätigt werden, sondern vor allem auch für Hard-, Software und Prozessoptimierung (Beratungsleistungen).

 

Stärkung der steuerlichen Forschungs- und Entwicklungsförderung

Um Unternehmen bei der Entwicklung innovativer Industrie 4.0-Lösungen zu unterstützen, sollte die steuerliche FuE-Förderung gestärkt und ihre Förderquote von 25 auf 50 Prozent verdoppelt werden. Die steuerliche FuE-Förderung ist wegen ihres geringen Bürokratieaufwands dabei besonders KMU-freundlich und bietet zudem den Vorteil, die komplette Breite des Mittelstandes abzudecken.

 

Rechtssichere Anonymisierung und Pseudonymisierung personenbezogener Daten

Personenbezogene Daten spielen bei Industrie-4.0 Anwendungen eine untergeordnete Rolle. Häufig sind diese Daten nur „Beifang“, zum Beispiel im Rahmen einer Mensch-Maschine-Interaktion, und stehen keineswegs im Zentrum von Industrie 4.0. Trotzdem sorgt der Umgang mit diesen Daten auch drei Jahre nach Einführung der Datenschutz-Grundverordnung für Rechtsunsicherheiten bei den Unternehmen.

 

Sicherer Datenaustausch

Anwendungen im Bereich Industrie 4.0 basieren auf dem Austausch von Daten intern, aber auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Dies benötigt ein verantwortungsvolles Datenmanagement und eine robuste IT-Sicherheit.

Bereits die Abgrenzung dieser beiden Themen stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen. Den deutschen Mittelstand beschäftigt darüber hinaus die Frage, ob die Vernetzung ihrer Anlagen und Prozesse ein Einfallstor für Cyber-Angriffe darstellt. Hier müssen Beratungsangebote nicht nur auf technischer Seite ausgebaut, sondern auch auf rechtlicher Ebene geschaffen werden.

 

Kompetenzentwicklung Industrie 4.0

Um das bestehende Qualifikationsdefizit zu beheben, sollte digitales Know-how auf allen Bildungsebenen vermittelt werden. Die neue Bundesregierung sollte daher zusammen mit den Bundesländern Möglichkeiten ausloten, wie Anreize zu Aneignung dieser Kompetenzen gesetzt werden und inhaltlich in Ausbildungsberufe und Studiengänge integriert werden können. Lebenslanges Lernen, Umschulungen und unternehmerisches Denken sollten durch Programme des Bundes gefördert und unterstützt werden. Dazu gehört u.a. die Ausbildung von Lehrkräften, um zukünftige Generationen von Innovatoren auszubilden. Die Universitäten und Hochschulen sollten zu Forschungs- und Ausbildungszwecken As-a-Service-Modelle für innovative Technologien (wie z.B. 3D-Druck) nutzen können.

 

Beratungsgutscheine Industrie 4.0

Um es mittelständischen Unternehmen zu ermöglichen, externes Know-how zu Rate zu ziehen – vor allem in KMU ist Industrie 4.0 Kompetenz rar – sollten sie vom Bund Beratungsgutscheine erhalten. Mit diesen Gutscheinen können sie sich von (externen) Experten beraten lassen, welche Möglichkeiten ihnen Industrie 4.0 konkret für ihr Unternehmen bietet, welche Schritte bzw. Maßnahmen hierfür nötig wären, um sie zu nutzen und welche Ansätze/ Best Practices es dabei gibt.

 

Innovationsförderung Industrie 4.0

Antragsverfahren für öffentliche Förderprogramme sind komplex zeitraubend und wirken – insbesondere auf KMU – abschreckend. Um es mittelständischen Unternehmen zu erleichtern von öffentlichen Förderprogrammen zu profitieren, sollten zentrale Beratungsstellen für Industrie 4.0 bundesweit ausgerollt werden.

Diese könnten nach dem Vorbild der in einigen Bundesländern bereits existierenden (allgemeinen) Förderberatungen ergänzen. Diese Beratungsstellen sind auf Industrie 4.0 spezialisiert – es böte sich daher an, sie bei den Mittelstand-4.0 Kompetenzzentren anzusiedeln – und dienen sowohl als erste Anlaufstelle als auch als Lotse für förderinteressierte Unternehmen.

 

Stärkere Ausrichtung der Verbundforschung auf Anwendung von innovativen Technologien

Die Verbundforschung bringt nicht nur Innovationen hervor, sondern ist zugleich auch ein wichtiger Katalysator für ihre schnelle Anwendung in der Wirtschaft. Dabei profitieren mitteständische Unternehmen besonders stark vom vertrauensvollen und geschützten Wissens- und Erfahrungsaustausch in den gemeinsamen Forschungsprojekten von Wissenschaft, Academia und Wirtschaft.

 

Fortführung der Plattform Industrie 4.0

Die Bundesregierung sollte auf eine Politik setzen, die das Bewusstsein für den Mehrwert von Industrie 4.0 und ihren Basistechnologien schärft (z.B. Künstliche Intelligenz, 5G, Reality/Virtual Reality, 3D-Druck), die Akzeptanz solcher Technologien erhöht, und auf deren Förderung ausgerichtet ist. Hierzu kann beispielsweise die Darstellung von erfolgreichen Use Cases beitragen. Die Plattform Industrie 4.0 leistet bereits heute einen wichtigen Beitrag dazu, die Mehrwerte von Industrie 4.0 aufzuzeigen und sie in die Breite zu tragen.

 

Stärkung der Marke Industrie 4.0 auf europäischer Ebene

Nicht zuletzt den internationalen Aktivitäten der Plattform Industrie 4.0 ist es zu verdanken, dass sich Industrie 4.0 als die Marke für die Digitalisierung des Verarbeitenden Gewerbes etablieren konnte. Zugleich gibt Industrie 4.0 dem Mittelstand Orientierung und Anschauung in seinen Digitalisierungs-anstrengungen.

Die nächste Bundesregierung sollte sich für eine Stärkung der Marke Industrie 4.0 auf europäischer Ebene einsetzen und einer Verwässerung durch neue, allein auf politisches Marketing abzielende Initiativen ohne erkennbaren Mehrwert entgegenwirken. Digitalisierung braucht Kontinuität und Verlässlichkeit und dies schlägt sich auch in den Begrifflichkeiten nieder. Industrie 4.0 als Marke bringt Sicherheit für alle Beteiligten, insbesondere dem Mittelstand und sollte nicht durch neue Begriffe mit nahezu identischen Inhalten ersetzt werden.

 

Infrastrukturausbau

Die Corona-Pandemie belegt, wie sehr die Wirtschaft auf hochleistungsfähige Telekommunikations-Netze angewiesen ist – im Festnetz ebenso wie im Mobilfunk.

Der schnelle Ausbau einer im weltweiten Maßstab wettbewerbsfähigen digitalen Infrastruktur ist daher eine der zentralen infrastrukturpolitischen Herausforderungen unserer Zeit.

 

Quelle:

bitkom Positionspaper 10 Jahre Industrie 4.0