10 Jahre Industrie 4.0

Das Konzept Industrie 4.0 wurde auf der Hannover Messe 2011 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Industrie 4.0 stellt dabei ein Leitbild dar für die vierte industrielle Revolution im Kontext der Digitalisierung der Produktion, das auch zehn Jahre später noch hochaktuell ist.

Die Zeit vor zehn Jahren war von den Auswirkungen der Finanzkrise geprägt. Die Gründerväter, drei Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, veröffentlichten mit dem Artikel „Industrie 4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur 4. industriellen Revolution“ ein innovatives Konzept, um die deutsche Wirtschaft widerstands- und wettbewerbsfähiger zu machen. Bundeskanzlerin Angela Merkel war sofort von dem Thema überzeugt und griff die neue Wortmarke Industrie 4.0 am 3. April in ihrer Eröffnungsrede zur Hannover Messe 2011 auf. Im gleichen Jahr initiierte die Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft das Zukunftsprojekt Industrie 4.0. Das Ziel lautete: Die industrielle Produktion unternehmensübergreifend digital zu verzahnen.

In der Politik wurde Industrie 4.0 dankbar aufgegriffen, weil die stärkere Digitalisierung eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit sowie eine ressourcen- und energieeffizientere Wirtschaftsweise versprach: so soll das politische Ziel erreicht werden, wirtschaftliches Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und einen wichtigen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten.

 

Was geschah in der Wirtschaft?

Unternehmen entwickeln sich von Massenproduzenten zu Herstellern von individualisierten Kundenlösungen, was ihnen die Fähigkeit abverlangt, kleinere Serien oder sogar in Losgröße 1 produzieren zu können und das im Optimalfall hocheffizient. Einige Vorreiterunternehmen, die Grundprinzipien von Industrie 4.0 anwenden, haben sich durch digitale Vernetzung ihrer Produktion in Richtung sogenannter "Smart factories" entwickelt.

Mittlerweile setzen 62 Prozent der Unternehmen in Deutschland Industrie 4.0-Anwendungen ein. „Industrie 4.0 gestaltet effizientere und nachhaltige Wertschöpfungsketten, bietet neue Geschäftsmodelle und schafft Arbeitsplätze in Deutschland“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. „Bedeutende Projekte wie Gaia-X und die Schaffung von europäischen Datenräumen sind wichtige Grundlagen eines funktionierenden Ökosystems für Industrie 4.0. Deutschland als Begründer des Zukunftsprojekts Industrie 4.0 muss gerade auch beim Einsatz von Industriedaten eine Vorreiterrolle einnehmen.“

 

Null Produktivitätsfortschritt?

Trotz der Verbreitung von Industrie 4.0-Lösungen in den Fabrikhallen, stufen sich aktuell zwei Drittel der Unternehmen als Nachzügler oder als bereits abgehängt ein. Forderungen an die neue Bundesregierung für die kommende Legislaturperiode lauten, mit zielorientierten Maßnahmen Industrie 4.0 und die digitale Transformation schneller voranzubringen, um das Herz der deutschen Wirtschaft, das produzierende Gewerbe, nachhaltig zu stärken, denn die breite Masse der Unternehmen ist jedoch bei der Umsetzung dieser Vision bisher kaum vorangekommen.

Die Steigerung der Arbeitsproduktivität - das typische Merkmal früherer industrieller Revolutionen - ist in den meisten Industriebranchen in Deutschland bis heute ausgeblieben. Das heutige Produktivitätsniveau der Industrie ist mit dem des Jahres 2011 identisch, wie das statistische Bundesamt in der Fachserie 18: „Arbeitsproduktivität je geleisteter Erwerbstätigenstunde“ herausfand.

 

Die erste Halbzeit ist geschafft

Wolfgang Wahlster, einer der Gründerväter von Industrie 4.0, ermahnt daher: „Wir dürfen in der Forschung und bei der Innovation für die nächste Phase dieser 4. industriellen Revolution jetzt nach der Halbzeit nicht nachlassen, sondern müssen weiterhin besonders in die industrielle KI als zweite Welle der Digitalisierung investieren, denn die enormen Potenziale von Industrie 4.0 sind noch lange nicht ausgereizt.“

 

Quellen:

  • F.A.Z: Digitalisierung der Produktion. 10 Jahre Industrie 4.0
  • bitkom Positionspapier: 10 Jahre Industrie 4.0
  • Statistisches Bundesamt, Fachserie 18, Reihe 1.5, 2020, Tabelle 2.14 Arbeitsproduktivität je geleisteter Erwerbstätigenstunde